Unwissenheit ist Stärke

Die Überschrift ist ein Zitat aus George Orwells Roman „1984“, in dem die herrschende Einheitspartei Sprache als Instrument für Manipulation und Unterdrückung einsetzt. Aus einer bestimmten Perspektive bewertet kann Unwissenheit tatsächlich sehr nützlich für uns sein.

Zeitmanagement muss nicht heißen, sich seine Zeit so einzuteilen, dass wir mehr Aufgaben erfolgreich bewältigen können, sondern kann auch bedeuten, weniger Aufgaben zu bewältigen. Oder sagen wir: weniger Aufgaben zu beginnen.

Eliminieren, Ballast abwerfen, Streichen, Aufgeben, Loslassen – viele Begriffe lassen sich auf den Sachverhalt anwenden. Erfolg ist nicht die notwendige Folge von Fleiß, denn es kommt zuallererst darauf an, die richtigen Dinge zu tun, nicht besonders viel von irgendetwas.

Das gilt in besonderer Weise für die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen, weil die meisten Menschen sehr viel Zeit damit verbringen bzw. verschwenden. Wer zu faul ist, morgens die Zeitung aus dem Briefkasten holen zu gehen und deshalb nach dem Aufstehen stets die Zeitung vom Vortag liest, ist womöglich bereits in der richtigen Richtung unterwegs.

Der Grund ist ganz einfach: Vieles aus der gestrigen Zeitung ist heute nicht mehr wichtig. Nehmen wir einen Artikel, der mit dem Satz „Heute treffen sich X und Y, um über Z zu beraten.“ Wenn es wichtig ist, wird über die Ergebnisse (!) dieses Treffens in der heutigen Ausgabe der Zeitung etwas stehen. Dann können wir uns den Artikel von gestern sparen. Ist bei dem Treffen nichts Berichtenswertes herausgekommen und steht deshalb in der neuen Ausgabe der Zeitung nichts darüber drin, können wir uns den Artikel von gestern erst recht sparen.

Gerät man durch einen kleinen Urlaub mehrere Tage in Rückstand mit der Zeitungslektüre, wird man viel weniger Artikel pro Ausgabe lesen als sonst. Um aufzuholen liest man nur die wichtigsten Artikel. Warum nicht gleich so?

Je älter die Ausgabe ist, desto weniger Beiträge daraus sind noch lesenswert, das ist der zweite Aspekt. Da stellt sich hoffentlich die Frage: Wenn es sich heute nicht mehr lohnt, die Zeitungsartikel von vergangener Woche zu lesen, wie wichtig waren sie dann als sie frisch waren?

Prüfen wir die ganze Zeitung darauf, welche Artikel für unser eigenes Leben von Bedeutung sind, bleibt schnell nur noch sehr wenig übrig. Lesen wir in der bisher für unsere Zeitungslektüre genutzten Zeit täglich ein Kapital in einem Fachbuch, bringt uns das mit Sicherheit wesentlich mehr. „Unwissenheit ist Stärke.“

„Unwissenheit ist Stärke“ passt bei der Betrachtung dieses Bereichs des Zeitmanagements hervorragend, weil wir damit auf die mit dem Informationsverzicht verknüpften Gefahren hingewiesen werden.

Die Medien als Vierte Gewalt, als Kontrollinstanz funktionieren nur, wenn die Öffentlichkeit die in ihr verbreiteten Informationen wahrnimmt. Die Kontrolle der Herrschenden durch die Bürger, die am Wahltag eine wichtige Entscheidung treffen, funktioniert nicht, wenn keiner die Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft verfolgt. „Unwissenheit ist Stärke“ – die Stärke derjenigen, die Macht missbrauchen.

Sich über die bedeutsamen Vorgänge in unserer Welt zu informieren ist somit Bürgerpflicht. Wer als Einzelner dieser Pflicht nicht nachkommt, verschafft sich auf Kosten aller aufrechten Demokraten einen Vorteil, handelt asozial. Wieso sage ich dann noch einmal „Unwissenheit ist Stärke“?

Die Lösung besteht darin, sich über die Themen zu informieren, zu denen man sich aus eigenem Antrieb informieren möchte (privates oder berufliches Interesse) und zusätzlich pflichtgemäß die allgemein wichtigen Nachrichten zu verfolgen.

Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen sorgten schon dafür, dass wir weit mehr Informationen geliefert bekamen, als wir gebrauchen konnten. Mit dem Internet hat die Informationsflut extreme Ausmaße angenommen. Wichtiges geht leicht in der Nachrichtenflut unter.

Prüfen wir deshalb, was wir wissen müssen und wollen und verzichten wir auf die vielen Informationen, die uns ablenken. Nutzen wir die griffige Formel „Unwissenheit ist Stärke“, um immer wieder auf unwichtige Informationen zu verzichten zugunsten von wichtigen Informationen und um Zeit zu gewinnen für das, was für uns im Leben wichtig ist.

Über Oliver Springer 351 Artikel

Seit 2008 bin ich im Hauptberuf Blogger und schreibe für eigene Projekte und im Auftrag zu einer Reihe von Themen, darunter Kaffee, Internet, Mobilfunk, Festnetz, Video-on-Demand, Selbstmanagement und Musik …

Zuvor hatte ich 14 Jahre lang als Moderator und Redakteur für den Radiosender JAM FM gearbeitet, wo ich später auch den Internetauftritt betreute. Mit einem meiner Radiokollegen gründete ich bereits 2002 die Urban Music Website rap2soul.de.

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